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erkehrssteuerung in Echtzeit, autonomes Fahren, Fern-
operationen, mobile Vitaldatenübertragung, ressour-
ceneffiziente Produktion, Maschine-zu-Maschine-Kom-
munikation, personalisierte Katastrophen- und Unwet-
terwarnungen, kollaborative Robotik in der Altenpflege und
Arbeitswelt, virtuelle Erlebniswelten, mobiles Lernen … die
Digitalisierung macht’s möglich. Nachdem wir das analoge
Zeitalter hinter uns gelassen haben und uns bereits im Post-
zeitalter des PC befinden, geht der Trend ganz deutlich zum
Dritt- oder Viertgerätmit Laptop, Smartphone, Tablet und ver-
netztem Auto. Fachleute sprechen von der zweiten Welle der
Digitalisierung, die unaufhaltsam auf uns zurollt.
Aufhalten können wir sie nicht, aber in die richtigen Bahnen
lenken. Prof. Dr. Wolfgang Wahlster, Chef vom Deutschen
Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz DFKI, malt sich
schon ein schillerndes digitales Szenario für Deutschland aus
mit mehr Wohlstand für alle, besseren Arbeitsbedingungen
und einer individualisiertenProduktion inurbaner Nähe. Klar,
das muss er auch als Wissenschaftler, denn das DFKI gehört
zudendigitalenVorreitern inDeutschland, schwimmt auf der
Welle obenauf, treibt Industrie 4.0-Anwendungen zum Bei-
spiel mit Unternehmen aus dem Saarland wie ZF, Bosch-Rex-
rodt, Ford, VSE-Gruppe oder Festo unermüdlich voran. Doch
damit das digitale Szenario hierzulande Wirklichkeit wird,
braucht es einehochleistungsfähigedigitale Infrastruktur, die
Echtzeit-Kommunikationermöglicht unddie Latenzzeitenauf
eine Millisekunde beschränkt.
Beispiel autonomes Fahren:
Erst die Echtzeitkommunika-
tion zwischen Autos und Infrastruktur macht so etwas über-
haupt sicher möglich. Die Übertragungstechnik der Zukunft
muss sich an den Anforderungen des menschlichen Auges
und der Berührungssinne orientieren, denn das selbstfahren-
deAutomuss inkritischenSituationengenauso reflexartigund
schnell reagierenwie derMensch, obnunbei unvorhersehba-
ren Überholmanövern, bei Vollbremsungen, bei Glatteis oder
einem Unfall. Die Datenübertragung und die damit verbun-
dene Reaktion zwischen Sender und Empfänger, sprich die
verbleibende Latenzzeit, müssen kürzer sein als ein mensch-
licher Wimpernschlag.
BeispielmobileVitaldatenübertragung:
Das Erfassenund
Speichern lebenswichtiger Daten ist die eine Seite, daraus die
richtigen Schlüsse ziehen, die andere Seite. In Extremsituatio-
nen oder in Stresszeiten kann die Auswertung der Vitaldaten
in Echtzeit den Menschen rechtzeitig warnen, zum Beispiel
vor einem Herzinfarkt. Die Übertragung der Vielzahl der Da-
ten benötigt leistungsfähige und superschnelle Datennetze.
Jede Sekunde zählt.
Beispiel Robotik:
Ob in der Altenpflege, im Haushalt oder
amArbeitsplatz, die lernenden Roboter werden zu nützlichen
Assistenzen, die helfen, unterstützen und Situationen blitz-
schnell erkennen. Klassische Anwendungen der Künstlichen
Intelligenz oder Industrie 4.0-Anwendungen – mobile Kom-
munikation inEchtzeit ohne jeglicheZeitverzögerung sindVo-
raussetzung, damit dieMensch-zu-Maschine-Kommunikation
undumgekehrt für denMenschennutzbringend funktioniert.
Damit diewahre Echtzeit-Kommunikation keine Vision bleibt,
arbeiten Entwickler bereits an der nächsten Generation der
Funknetze: 5G-Netze. Sie erlauben Datenübertragungen bei
der Kommunikationmit Latenzzeitenvonhöchstens einerMil-
lisekunde. Die heutigen Netze, G4 oder LTE, arbeiten mit Ver-
zögerungen von bis zu 80 Millisekunden. Zu langsam, umdas
Internet der Dinge sicher, praktikabel und gewinnbringend
imAlltag zu nutzen.
In Deutschland dürfte der Ausbau von 5G nach Meinung von
Fachleutenvoraussichtlich2020 starten. 2021/22könntenerste
Anwendungen den Endnutzern zur Verfügung stehen. Wäh-
rend die 4G-Technik oder LTE theoretisch über 300Megabit in
der Sekundeüberträgt – inder Praxis liegendieÜbertragungs-
geschwindigkeitendurchschnittlich zwischen27bis 36Mbit/s
–, reden wir bei 5G-Netzen von 5 oder 10 Gbit pro Sekunde.
ImLabor und in Testfeldern funktionieren diese Netze bereits
und es dürfte eine Frage der Zeit und des Geldes sein, wann
G5 zur Wirklichkeit wird. Dann kann die nächste Welle der Di-
gitalisierung kommen.
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InMotion: Sie nennen es die zweiteWelle der Digitalisierung,
die auf uns zurollt. Wo stehen Deutschland und das Saarland
im internationalen Vergleich?
Prof.Wahlster: Bei Industrie4.0Anwendungen sehe ichDeutsch-
land im internationalen Wettbewerb gut aufgestellt. Deutsch-
land ist traditionell ein Industriestandort und verfügt über ein
enormesFacharbeiterpotentialmitvielErfahrungundguterAus-
bildung. Die Facharbeiter sind motiviert, die Digitalisierung in
den Fabriken voranzutreiben. Das zeigen unsere Erfahrungen
mit den Unternehmen.
DasSaarlandistinpunktoForschungslandschaft,Unterstützung
der Politik und der Bereitschaft von Unternehmen, auf die Digi-
talisierungswelleaufzuspringen, gut imRennen. Daraufmüssen
wir konsequent weiter aufbauen.
Industrie 4.0 oder das autonome Fahren brauchen Kommu-
nikation in Echtzeit. Voraussetzung dafür sind extrem leis-
tungsfähige und schnelle Netze. Wie soll das funktionieren?
Während Japan, Südkorea, China und die USAbereits vonGiga-
bit-Netzen sprechen, den so genannten 5G-Netzen oder taktiles
Internet, das Datenübertragungen in Echtzeit zulässt, Quan-
tencomputer oder DNA-Computer vor der Einführung stehen,
um Big Data praktikabel zu machen, Multi-Core-Glasfaser zum
gutenTongehören, scheintDeutschland imMegabit-Bereichge-
fangen zu sein. Bis 2018 soll flächendeckend 50MB jedemHaus-
halt zur Verfügung stehen. Das ist natürlich viel zu wenig und
die Echtzeit-Kommunikation in einer Millisekunde bleibt eine
unerreichbare Vision.
Wir brauchen den forcierten Ausbau von Glasfasernetzen und
neueGenerationenvonFunknetzenwie5G, damit die zweiteDi-
gitalisierungswelleflächendeckendzumErfolgwird. DieVSENET
arbeitet ja daran, den Glasfaserausbau voranzutreiben.
Wie stehen Sie zur Behauptung, die Digitalisierung vernich-
te Arbeitsplätze?
DiesemArgument schließe ichmich nicht an. Deutschland ist in
EuropadasLandmitderhöchstenRoboterdichteunddergerings-
tenArbeitslosigkeit. DieKünstliche Intelligenz ist imAlltagange-
kommen,kognitiveAssistenzsysteme,Autopiloten,lernendeSys-
teme übernehmen zunehmendmehr Routineaufgaben. Es wird
sicherlichEinzelschicksalebei Arbeitsplatzverlustengeben, aber
diemenschliche Arbeit wird nicht ersetzt, siewird anspruchsvol-
ler. Die kollaborative Robotik erleichtert die Arbeit in der Fabrik.
So unterstützen Roboter bei Airbus zumBeispiel die Flügelmon-
tagebei Flugzeugenoder dasÜberkopfarbeitenbeimEinbauder
Autohimmel bei Fordzur gesundheitlichenEntlastungderMitar-
beiter. Selbst die sooft kritisierteVerlagerungvonArbeitsplätzen
in Billiglohnländer stößt an ihre Grenzen. Grund ist der Zeitgeist
der Individualisierung.
Kundendesignen ihreProduktenach ihren individuellenAnsprü-
chen im Internet selbst undwollen sie so schnell wiemöglichha-
ben ohne lange Wartezeiten. Der Sportartikelhersteller Adidas
produziertdeshalbhöherwertigeLaufschuhewiederinDeutsch-
land statt in Fernost. Das ist ein Beispiel für die Reurbanisierung
der Produktion in Kundennähe.
Es gibt aber auch negative Beispielewie bei der digitalenGe-
sundheitskarte.
Das ist richtig. Die händische Datenerfassung, unnötige Mehr-
fachuntersuchungenaufgrunddesNichtauffindensderGesund-
heitsdaten,Medienbrüche, das erinnert an „Steinzeit“, liegt aber
nicht anden technischenMöglichkeiten, sondern ist einOrgani-
sationsversagen von Politik und Verbänden.
Es gibt viele Bedenkenträger, obdieDigitalisierung einHeils-
bringer ist. Und auchdieAusbildungundder fehlendeUnter-
nehmermut gelten als Hemmnisse. Wie sehen Sie das?
UnserBildungssystemmussinderLagesein,jungeMenschenauf
denUmgangunddieunterschiedlichenFacettenderDigitalisie-
rung richtig und besser vorzubereiten.
DieGründermentalität bleibt inDeutschlandeingroßesManko.
DieAngst des Scheiterns undder damit verbundene lebenslange
Makel oder die Selbstzufriedenheit erfolgreicher Gründer, an ir-
gendeinem Punkt nicht mehr weitermachen und aussteigen zu
wollen, um das Leben zu genießen, sind in Deutschland leider
eine weitverbreitete Geisteshaltung. Vielen Gründern fehlt oft
der notwendige Drive, Großes bewegen zu wollen.
BeimDFKIhatesimmerhinschonfast80Unternehmensgründun-
gen gegeben, aber das ist eben immer noch zu wenig, um lang-
fristig auf der Digitalisierungswelle vornemitzureiten.
ECHTZEITKOMMUNIKATION MACHT INTERNET DER DINGE ERST MÖGL ICH
G4 und LTE sind nicht genug
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Nachgefragt
bei Prof. Dr. WolfgangWahlster, CEO des DFKI




